V-orbei ist V-orbei!

 In Allgemein

Von Ivan Mlinaric, Geschäftsführer der auf Risikomanagement spezialisierten Quant.Capital Management GmbH.

Es ist noch gar nicht so lange her, da diskutierten Volkswirte und Politiker eifrig über die drohende Krise und die zu erwartenden Konsequenzen. Dass die Pandemie die Wirtschaft auf Talfahrt schicken würde, war klar. Dass der Absturz schnell und heftig gehen würde, war sicher, seit ein Lockdown ausgesprochen wurde. Die Frage war: Wie schnell kommt die Wirtschaft nach der Krise wieder auf die Beine? Die verschiedenen Szenarien wurden durch Buchstaben gekennzeichnet und ergaben eine wahre Buchstabensuppe. Das war “damals” im März, in einem anderen Zeitalter: dem Zeitalter vor Corona, dem Präcoronaikum. Der Konsens ging von einer schnellen, staatlich unterstützten Erholung der Wirtschaft nach der Krise aus, dem V-Szenario.

Dann kamen die Lockdowns, Stillstand der Wirtschaft, das Zeitalter von Corona, das Coronaikum. Die Staaten und Zentralbanken überschlugen sich mit Ankündigungen immer neuer Programme zur Unterstützung der Wirtschaft, und hielten so die Illusion des V-Szenarios aufrecht.

Die wesentlichen Kennzeichen des V-Szenarios sind zum einen die Geschwindigkeit der Erholung. Diese sollte annähernd so hoch sein wie die zuvor realisierte Geschwindigkeit des wirtschaftlichen Niedergangs. Zum anderen ist es die punktuelle Verweildauer im Tal der Korrektur. Wir tippen auf und heben direkt wieder ab. Wir spüren ein kleines Piksen, aber es wird schon nicht wehtun.

 

 

Viele der wichtigsten volkswirtschaftlichen Indikatoren waren ab etwa Mitte März innerhalb von vier bis sechs Wochen kollabiert. Im April wurden viele neue Tiefststände erreicht, zum Teil von historischem Ausmaß.

 

 

 

Seit Anfang Mai hat Deutschland damit begonnen, die Corona-Beschränkungen aufzuheben. Dieser Prozess erfolgt schrittweise und wird uns noch eine ganze Weile begleiten. Bestimmte Aktivitäten, wie z.B. Konzerte oder Kinoveranstaltungen, werden auf absehbare Zeit nicht wie gewohnt stattfinden können. Wir wissen also, dass es keine schnelle Rückkehr der Volkswirtschaft auf ein Vorkrisenniveau noch im Juni oder Juli geben wird. Die Erholung wird erheblich langsamer erfolgen als der Absturz.

 

 

 

Die ersten Indikatoren für Mai liegen bereits vor. Neue Arbeitslosendaten sowie Sentimentindikatoren für die Wirtschaft und für die Verbraucher zeigen zwar auf den ersten Blick eine Verbesserung gegenüber den Rekordwerten vom April, verbleiben aber auf Rezessionsniveau. Es besteht kein Zweifel: Wir sind nicht aufgetippt, um direkt wieder abzuheben.

 

 

Volkswirte und Politiker diskutieren wieder Szenarien für die Erholung. Die Favoriten scheinen derzeit die Buchstaben W und U zu sein, wie auch immer man das zu interpretieren hat. Die erhoffte Symmetrie, dass wir nach wenigen Wochen oder Monaten wieder dort stehen würden, wo wir Anfang März bereits waren, hat sich nicht eingestellt. Konnten viele Beobachter noch vor wenigen Wochen einen gewissen Optimismus verbreiten, so ist nunmehr klar, dass es eine schnelle, V-förmige Erholung nicht gegeben hat und auch nicht geben wird. Das V ist v-orbei.

 

Quellen: Bloomberg, eigene Berechnungen

 

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