Die Angst vor dem Öl

 In Allgemein

Von Ivan Mlinaric, Geschäftsführer der auf Risikomanagement spezialisierten Quant.Capital Management GmbH.

Wir leben in einer Zeit der Rekorde. Soweit es die Finanzmärkte betrifft, ist dies vielleicht sogar die Zeit der Rekorde an Rekorden. So spielte sich an den Ölmärkten in den vergangenen Tagen ganz außergewöhnliches ab. Streng genommen betraf dies nur den Markt in den USA, und dort insbesondere die Future-Kontrakte der Benchmarksorte WTI. Noch strenger genommen, betraf es also den Markt in Cushing, Oklahoma.

Mit dem WTI Future werden Geschäfte zur zukünftigen Abnahme/Lieferung von Rohöl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) am Standort Cushing gehandelt. Wegen der hohen Liquidität und der langen Geschichte, wird dieser Kontrakt häufig als Benchmark für Rohöl in Nordamerika genutzt, ähnlich wie Futures auf die Sorte Brent in Europa. Und, genau das wurde nun zum Problem. Benchmarks ziehen Finanzinvestoren bzw. Spekulanten an. Diese möchten von der Preisbewegung der Futures profitieren, haben aber selbst keine operativen Kapazitäten zur Lieferung oder zur Abnahme von Rohöl.

Am 21. April lief der Mai-Kontrakt ab, der zur Lieferung/Abnahme im Monat Mai verpflichtet. Der seit März gesunkene Ölpreis zog viele spekulative Käufer an. Zugleich ging die Nachfrage nach Öl in den USA ab März so schnell zurück, dass die Lager in Cushing voll blieben. Ölfirmen konnten also kaum neues Öl ankaufen. Die Finanzinvestoren fanden keine Abnehmer für ihre zuvor erworbenen Kontrakte. In der Panik, dass Ihnen ab 1. Mai physisches Öl vor die sprichwörtliche Haustür geliefert würde, waren sie bereit, Geld dafür zu bezahlen, nur dass Ihnen jemand dieses Öl abnehme. So sieht echte Panik aus. Panik im Quadrat. Es stellt sich heraus, dass man auch mit einem Long-Investment mehr verlieren kann als nur 100%.

Warum ist diese Entwicklung wichtig für uns? Die meisten von uns dürften kein Rohöl im Portfolio haben. Und auf die Inflation wird solch eine kurzfristige, technische Bewegung auch keine Auswirkungen haben. Die bedeutendste Eigenart der Corona-Krise ist die Gleichzeitigkeit mehrerer Krisen, die in hoher Geschwindigkeit ablaufen. In dieser Situation steigt das Risiko unvorhergesehener Events, mit zum Teil verheerenden Auswirkungen. Noch vor einer Woche hätten sich die meisten von uns nicht vorstellen können, dass man dafür bezahlen müsste, um einen Wertgegenstand abzugeben. Nun ist das Realität geworden. Die Anzahl der Dinge, die in den vergangenen Monaten geschehen sind, die wir uns aber zuvor nicht vorstellen konnten, wächst. Das
wirtschaftliche Gesamtgefüge wirkt instabil. Wir stellen fest: Das Risiko der “unknown unknowns” ist deutlich angestiegen. Wo trifft der nächste Einschlag?

WTI Future, Mai-Kontrakt; Preis (oben) und Handelsvolumen (unten) Quelle: Bloomberg

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