Die Briten sind auch ’nur‘ Europäer

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Von Ivan Mlinaric, Geschäftsführer der auf Risikomanagement spezialisierten Quant.Capital Management GmbH.

Boris Johnson, dieses blonde Krümelmonster, hatte seinen Landsleuten ein neues Zeitalter der Unabhängigkeit für den Brexit versprochen, einen erneuerten Nationalstolz, das Abstreifen der Fesseln EU-Europas. Nun ist der Brexit da, und Großbritannien wird immer europäischer. Das zeigt sich nicht nur an der Zinsentwicklung eindeutig.

Während in den USA, mit denen Boris Johnson gerne auf Augenhöhe verhandeln würde, die Zinsen über alle Laufzeiten noch positiv sind, haben britische Anleihen über zwei, drei, vier, fünf (und sechs und sieben und acht und neun und zehn) Jahre gerade neue Rekordtiefs bei z.T. bereits negativen Renditen verzeichnet. Sie zeichnen also ein sehr ähnliches Bild wie im Rest Europas.

Quelle: www.zins-tracker.de

Johnson hatte den Briten schnelle, neue Freihandelsabkommen versprochen, eine enge Anlehnung an die USA und solide Finanzen. Und dann wollte man auch noch die eigene Unabhängigkeit deutlich machen, indem man bei der Pandemie-Bekämpfung einen Sonderweg ging. Das alles ging gehörig nach hinten los.

Die Pandemie wütet in Großbritannien stärker als im Rest Europas, fast schon wie in den USA. Freihandelsabkommen mit wichtigen Handelspartnern kamen mit Ausnahme der Efta-Staaten nicht zustande. Selbst die alten ‚Freunde‘ aus dem Commonwealth waren nicht bereit, entsprechende Abkommen mal eben aus den Ärmeln zu schütteln. Die Finanzpolitik läuft völlig aus dem Ruder. Die Corona-bedingte Superverschuldung hilft lediglich dabei, die bereits als Folge des Brexit abwandernden Arbeitsplätze nach innen zu kaschieren. Der Staat wirkt angeschlagen.

Als Mitglied der EU konnte man sich herrlich über die vermeintlich unsoliden Staatsfinanzen einiger Eurostaaten aufregen. Nun ist das Vereinigte Königreich auf sich gestellt: Während die Staatsverschuldung auf Rekordhöhen steigt, ist die Bank of England gezwungen, Staatsschulden in bisher ungeahnter Höhe aufzukaufen, um die Zinsen niedrig zu halten. Im Durchschnitt wurden seit Ende März Staatsanleihen für 13,5 Milliarden Pfund pro Woche aufgekauft. So konnten die Zinsen bis in den negativen Bereich gedrückt werden, um dem Staat eine beispiellose Neuverschuldung zu ermöglichen. Ach, wie euroisch …

Ade solide Finanzen und ade europäische Unterstützung. Anstatt sich nach vermeintlich amerikanischem Vorbild unabhängig und mächtig zu machen, werden unsere Freunde jenseits des Kanals, ganz realistisch betrachtet, europäischer als sie es vielleicht jemals waren.

Quelle: Bloomberg

 

 

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