Risiken auf Niveaus von 2008, Investoren stehen vor besonderen Herausforderungen

 In Allgemein

Von Ivan Mlinaric, Geschäftsführer der auf Risikomanagement spezialisierten Quant.Capital Management GmbH.

Wir durchleben gerade besondere Tage und Wochen. Als Investoren, aber auch als Menschen und Bürger. Die von uns in der vorigen Ausgabe beschriebene Informationsunsicherheit durchwebt nicht nur unsere Investitionsentscheidungen, sondern auch, wie es scheint, unseren Alltag. Die gesellschaftliche Debatte über den Umgang mit dem Coronavirus sowie mit dessen sozialen und wirtschafltichen Folgen schwankt zwischen gefährlichen Beschwichtigungen und gefährlicherer Panik. Als Investoren sind wir dieser folgenschweren Dynamik besonders ausgesetzt, denn die außergewöhnlichen Kräfte des Marktes wirken verstärkend auf unsere Sicht der Welt. Vom 12.03. bis 13.03. früh fiel der Wert der S&P Futures um ca. 10%, stieg dann um ca. 6,5%, fiel erneut um ca. 10% und stieg wieder um ca. 8,3%. Das geschah an nur etwas mehr als einem Tag!

Bei der Vielfalt, Wucht und Geschwindigkeit der Ereignisse ist die Gefahr hoch, dass unsere Wahrnehmungs und Entscheidungssysteme gestört werden. Die Gefahr, dasss wir kurzfristige Entwicklungen in eine längere Zukunft fortschreiben, steigt. Umso wichtiger ist es Abstand zu gewinnen, die Lage im Kontext zu bewerten und wieder klar zu sehen. Die Risikoperspektive ist dabei klar. Egal, ob wir implizite oder realisierte Volatilitäten, Drawdowns oder eben unser VaR-Modell ansetzen, die Marktrisiken bewegen sich wieder in einer Größenordnung wie zuletzt 2008.

Auch für die meisten Risikofaktoren stehen die Ampeln, ob in der kurz- oder langfristigen Betrachtung, auf rot – die Werte nahe bei oder auf historischen Höchstständen. Fundamental gesehen, wurde ein Teil der vorhandenen Bewertungsspitze in den vergangenen Tagen abgebaut. Das CAPE Ratio, das zyklisch bereinigte KGV berechnet durch R. Shiller, sank von 30 im Vormonat auf 23 per 12. März. Langfristig lag dieser Wert im Mittel bei 17, seit dem Ende des II. Weltkriegs bei 19. Zumindest der US-amerikanische Aktienmarkt ist also immer noch überdurchschnittlich teuer. Ist im Aktienmarkt noch immer eine gewisse Menge an wirtschaftlichem Optimismus eingepreist? Es klingt, zumindest, noch nicht nach Kapitulation. Ein Absinken auf Werte um 15 herum, wie in der Krise 2008, würde zumindest für den S&P 500 einem Kursziel von 1.600 Punkten entsprechen.

Der durch Saudi Arabien proklamierte Ölpreiskrieg ist volkswirtschaftlich außergewöhnlich bedeutend. Die bereits rückläufigen Inflationserwartungen sind in direkter Folge massiv eingebrochen, ebenso wie der Ölpreis. Eine geringe Inflation dürfte unsere Zentralbanken auf längere Sicht davon abhalten, die Zinsen zu erhöhen. Die Zinsdepression wird zu unserem treuen Begleiter.

 

In den USA steigt die Zahl der Kreditinflationserwartung in den USA (gelb) und in Deutschland (weiß)
Quelle: Bloomberg

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